Sonntag 28. Oktober 2007, 19.30 Uhr
Artisjus Hall, Budapest, Ungarn
Frankfurt Tage 2007 in Budapest
<belcanto>-Ensemble Dietburg Spohr singt Werke von Komponisten Frankfurts
- Pere Pou Llompart (1963): Kronos (2007) (Uraufführung)
nach Texten von J.W.von Goethe
für fünf Sängerinnen
10 Min., für <belcanto> geschrieben
- Theodor W. Adorno (1903-1969): Drei Gedichte von Theodor Däubler op. 8 (1923-1945)
Ernst Krenek gewidmet
für vier Frauenstimmen
8 Min., edition text + kritik
- Ernst August Klötzke (1964): A lecture upon the Shadow (2003)
nach Texten von John Donne
für 4 Frauenstimmen
12 Min., für <belcanto> geschrieben
- Susanne Erding Swiridoff (1955): Topoi Varieté (2007) (Uraufführung)
RaumPoeme für Vokalquartett
mit Texten von Johann Wolfgang von Goethe
10 Min., für <belcanto> geschrieben
PAUSE
- Dieter Schnebel: Amazones (1993)
nach Textfragmenten aus Kleist "Pentesilea"
für 5 Sängerinnen
15 Min., für <belcanto> geschrieben
Edition Schott
- Performance bestehend aus
- <belcanto> proVocation 2007
5 Min.
- Gerhard Rühm (1930): Sprechquartette nach deutschen Volksliedern (1987)
für vier Stimmen
8 Min., für <belcanto> geschrieben
<belcanto> - Ensemble Dietburg Spohr
Andrea Baader – Sopran
Edith Murašova – Sopran
Rica Rauch – Alt
Martina Scharstein – Sopran
Dietburg Spohr – Mezzosopran
Lichtflug im Schatten
Gerhard R. Koch
Frankfurt am Main: Die Stücke dieses Programms haben in gleich mehrfacher Weise mit der Stadt zu tun. Zunächst einmal mit ihrem weltweit berühmtesten Sohn, dem Dichter Johann Wolfgang von Goethe, dessen Werke schon seit Mozart ("Das Veilchen") und bis heute unablässig die Komponisten angeregt haben - die Gedichte wie der "Faust". "Goethe und die Musik": ein unerschöpfliches Thema - vielleicht gerade, weil Goethe selber keine übermäßige Neigung zur Musik hatte. Womöglich hatte dies sogar mit Frankfurt selber zu tun, als Bürger- und Handelsstadt eher nüchtern, keine barocke Pracht-Residenz wie München, Dresden oder Wien. Doch auch wenn Frankfurt mit diesen als Musikzentrum nicht konkurrieren kann, so hat die Main-Metropole doch stets wichtige Musiker angezogen, beginnend immerhin mit Telemann. Und nicht wenige bedeutende Komponisten stammen aus Frankfurt oder lebten und leben hier. Die Musikhochschule, der Hessische Rundfunk und die Nähe zu den Internationalen Darmstädter Ferienkursen, einst "Mekka der Avantgarde", haben in der traditionellen weltoffenen der Messestadt die Förderung des Neuen begünstigt. Unzählige Ur- und deutsche Erstaufführungen fanden denn auch hier statt. Und keineswegs zufällig war Frankfurt stets auch die deutsche Jazz-Hauptstadt.
So zog es auch den katalanischen Komponisten Pere Pou Lompart (1963 auf Mallorca geboren) 2001 an den Main, und auch er geriet in den Bann Goethes: Für die "belcanto"-Sängerinnen vertonte er das Gedicht "An Schwager Kronos". Daß die Hymne auf den rasenden Fluß der Zeit gerade einen Komponisten fasiziniert, ist kein Wunder, ist doch Musik Zeit-Kunst par excellence, und das Wandern, ja Jagen durch Räume davon unabtrennbar. Ein "echter" Frankfurter war nicht zuletzt der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno (1903-1969), Vaterfigur der "Frankfurter Schule" und "Kritischen Theorie", von dem immense Einflüsse ausgegangen sind, und der vor allem als Musikästhetiker Generationen im Sinne des radikal Neuen geprägt hat. Doch war er nicht nur Wortführer der Avantgarde, sondern auch selber Komponist. Der Schüler Alban Bergs stand in seinem schmalen Oeuvre der Schönberg-Schule nahe, teilte deren Vorliebe für Vertonungen anspruchsvoller Lyrik. Davon zeugen die drei hochexpressiven Frauenchöre nach Gedichten Theodor Däublers (1923-45), atonal und überschwänglich zugleich. Sie werden hier in ihrer solistischen Variante gesungen.
Aus dem Raum Frankfurt kommt auch Ernst-August Klötzke (Jahrgang1964), der sich Gedichten des englischen "metaphysical poet" John Donne (1572-1631) zuwandte, religiös inspirierten Meditationen, die er fast madrigalhaft subtil in introvertiert-kontemplative Musik übersetzte.
Bert Brecht sprach einmal von der "Einschüchterung durch Klassizität". Der Umgang mit Goethe war gewiß nicht immer frei davon, und mit Klassiker-Kult, Anhimmelung des "Olympiers" kommt man ihm heute erst recht nicht näher. Susanne Erding-Swiridoff (geb. 1955) weiß dies zur Genüge, und mit ihrem Werk "Topoi Varieté" hat sie nichts Geringeres im Sinn als Goethe in Bewegung zu versetzen, sein Harmonie-Streben bunt zu konterkarieren, keineswegs aber zu karikieren.
Dieter Schnebel, (Jahrgang 1930), einer der wichtigsten deutschen Komponisten der älteren Generation, hat in den siebziger Jahren auch als Religionslehrer in Frankfurt gewirkt. Er selbst fand gerade diese Zeit für seine Entwicklung eminent wichtig. Als er 1933 für "belcanto" seine "Amazones" schrieb, stand dies wohl auch ein wenig im Zeichen der Erinnerung an diese umgemein produktive Phase, die ja auch exemplarisch die des Achtundsechziger-Aufbruchs und-Aufruhrs war - mit Frankfurt als Zentrum. Daß er da auf keinen Goethe-Text zurückgriff, war immerhin verständlich. Heinrich von Kleist hingegen, für den der Weimarer Dichterfürst keinerlei Verständnis hatte, lag ihm schon näher. Denn dessen "Penthesilea" ist heute noch ein krasses Stück über den Geschlechterkampf zwischen dem Griechenhelden Achilles und der Amazonenkönigin - bis hin zum Kannibalismus. Sprache und Musik schwanken zwischen entrückter Schönheit und schier physischer Drastik.
Zur "belcanto"-Ästhetik gehören Grenzerkundungen wie -überschreitungen zwischen Gesang, Sprache, Instrumentenspiel und Theatralik, also auch das Wechselspiel zwischen Komposition und Improvisation, ja ausgesprochener Performance: "proVocation" eben.
Gerhard Rühm (geb. 1930) ist ein Multikünstler: Als Literat gehörte er zur legendären "Wiener Gruppe", zugleich ist er Komponist und Pianist, aber auch Bildender Künstler, Grafiker - ein personifiziertes "Gesamtkunstwerk". Musiksprache und Sprachmusik sind für ihn eins, ebenso striktes Kalkül und verstörende Unregelmäßigkeit. Und bei einer Frankfurter Vernissage eigener Werke agierte er sogar in doppelter Funktion gleichzeitig: Er spielte mit der linken Hand Klavier, während seine rechtshändigen Zeichnungen projiziert wurden. Rühms "Sprechquartette nach deutschen Volksliedern", 1987 für Dietburg Spohr und ihre Sängerinnen entstanden, balancieren haarscharf zwischen Sprache und Musik, operieren nach Art von Abzählreimen mit Solmisations-Silben - und erzeugen einen faszinierenden Schwebezustand zischen pedantischer Planung und unberechenbar erheiterndem Ergebnis.
Wiedergegeben mit Erlaubnis des Autors