Neue Wege gehen, heisst nicht immer nur, alte verlassen oder neue suchen. Besser ist, sie finden. Wer dem <belcanto> - Ensemble auf seinem Weg folgt sieht: Offenheit ist die Utopie von Kultur: Offenheit und Experiment. Doch Arbeitsteiligkeit heisst das Gesetz der modernen Welt, also auch der Kunst. Sorgsam wird unterschieden: Zwischen KomponistInnen - meist toten, und Interpreten - nicht immer nur lebendigen, zwischen Komposition und Improvisation, zwischen Tradition und Moderne, gar Avantgarde, zwischen Instrumentalem und Vokalem, zwischen "absoluter", textbezogener und theatralischer Musik, zwischen Autonomie und "angewandter" Kunst. Das grosse Mutterschiff der Musik kennt zahlreiche Abschottungen. Sogar "Blockwarte" gibt es, die streng darauf dringen, dass alles seine gewohnte Ordnung behält.
Als sich die Mezzosopranistin Dietburg Spohr, Mitglied in Clytus Gottwalds eminenter Stuttgarter Schola Cantorum, entschloss, ihre Lehrtätigkeit an der Musikhochschule in Stuttgart aufzugeben, um ihr <belcanto>-Ensemble für solistische Sängerinnen zu gründen, tat sie dies aus mehreren Gründen. Gewiss, es gab mehrere Spezialensembles für Neue Musik, doch keines nur aus Sängerinnen und primär für die zeitgenössische Musik. Und gleich mehrere Komponistinnen und Komponisten waren von der Idee begeistert, schrieben sogleich Werke eigens für die <belcanto>- Sängerinnen. Es gibt derzeit kein Vokalensemble, das so eng mit der neueren kompositorischen Entwicklung verknüpft ist wie <belcanto>.
Dietburg Spohr zielt aber nicht nur auf die pure Avantgarde-Gruppe, will sich nicht ins Ghetto steriler Dogmatiker eingliedern lassen, sondern träumt von der Einheit der Musik - was für sie alles andere als postmoderne Beliebigkeit oder Weltmusik - Wischiwaschi bedeutet. Nicht zuletzt fühlt sie sich auch vor allem den Komponistinnen verbunden, die noch bis in die siebziger Jahre eine schweren Stand hatten. Wichtige Komponistinnen wie Silvia Alvarez de la Fuente, Krystina Bobrowski, Nahm-Hee Chung, Gloria Coates, Eiluned Davies, Violeta Dinescu, Susanne Erding, Tsippi Fleischer, Jacqueline Fontyn, Janet Gilbert, Adriana Hölszky, Sue-Yon Hong, Ellen Hünigen, Viera Janarcekova, Hagar Kadima, Piana Van de Klang, Harue Kunieda, Olga Magidenko, Haruna Miyake, Olga Neuwirth, Vivienne Olive, Younghi Pagh-Paan, Alice Samter, Marianne Stoll, Alizia Terzian, Leona Thann, Nancy Van de Vate und nicht zuletzt Caroline Wilkins, haben für Dietburg Spohr Solo- wie Ensemblestücke geschrieben: Kompositorischer und interpretatorischer Impuls wie Erfolg gehen Hand in Hand. Komponistinnen setzen ästhetisch andere Massstäbe.
Doch nicht nur das: So knifflig manche der Stücke im <belcanto>-Repertoire unter dem a cappella- Aspekt sind, so sehr haben sich die <belcanto>-Sängerinnen zu veritablen Percussionistinnen entwickelt. Gesang und Schlagzeug gehören oft zusammen, sogar als regelrechtes "Instrumentales Theater", wie in der "opeRatte" von Adriana Hölszky: "Der Aufstieg der Titanic". In der Verschränkung von hochartifizieller vokaler und perkussiv-theatralischer Aktion sind ihre "... es kamen schwarze Vögel" und "vampirabile" zum suggestiv tönenden Hexensabbat geworden. Doch bei allem Engagement für die angemessene Rolle der Komponistin im Musikbetrieb geht es nicht um feministische Grabenkämpfe.
Dass Neue Musik mit Sprache zu tun hat, ist eine Binsenweisheit. Aber in der Gleichberechtigung von Gesang, Sprache - auch als Schrei, Flüstern, Lachen, Sprechen - instrumentaler und szenischer Aktion bewegt sich die <belcanto>-Ästhetik immer wieder im Grenzbereich von Musik, Sprache, ja Literatur, Theater und selbst bildender Kunst.Die radikalsten Avantgardestücke für Dietburg Spohr und ihr Ensemble stammen von Peter Ablinger, Konrad Boehmer, Vadim Karassikow, Sergej Newski, Wolfgang Rihm, Dieter Schnebel und Amnon Wolman. Ähnliches gilt für die politische Dimension: Spahlingers Neruda-Requiem auf Salvador Allende "el sonido silencioso", Hanns Eislers rares "Woodbury-Liederbüchlein", Luigi Nonos "Donde estás, Hermano?" oder Cornelius Schwehrs "Deutsche Tänze" sind sicher herausragende Beispiele einer Kunst, die Politisches kritisch reflektiert. Und als Partisaninnen mögen sich Dietburg Spohr und ihre Sängerinnen mitunter verstehen, nicht indes als Agitprop-Truppe. Solcher Verzicht auf flotte Vereinnehmbarkeit ist das genaue Gegenteil von Anpassung an den "Zeitgeist": Gerade im Sich - nicht - festlegenlassen - wollen liegen die Möglichkeiten zu befreiendem Elan. Bei den Internationalen Ferienkursen Darmstadt ein multimediales Projekt: Gerhard Stäbler "voix (time)", unter Beteiligung von bekannten Video - Künstlern (Veit - Lup und Heiko Daxl) und acht Komponisten aus der ganzen Welt, wie Hartmut Jahn, Ernst-August Klötzke, Jeffrey Kowalkowski, Michael Maierhof, Kunsu Shim. Selten schöne, lyrische Preziosen begleiten das Ensemble in Werken von Haim Alexander, Thomas Beimel, Nikolaus Brass, John van Buren, Fabrizio Casti, Sidney Corbett, Klaus Dorfegger, Marius Flothuis, Franz Jochen Herfert, Peter Hoch, Gerhard Lampersberg, Thomas Luzian, Rolf Riehm, Leon Schidlowsky, Friedemann Schmidt-Mechau und Christian Schomers.
So kann es sich <belcanto> auch leisten, einen Wettstreit der Sängerinnen bei Christof Herzog, schizophrene Studien von Martin Aike Almstedt, hintergründige Text-Kompositionen des komponierenden Dichters der "Wiener Gruppe", Gerhard Rühm, zu kreieren, Steve Reichs minimalistische Psalmenvertonung "Tehillim" mit Instrumentalensemble, von Dietburg Spohr dirigiert, aufzuführen, weit gefächerte Improvisations-Projekte an den Klangsteinen von Elmar Daucher oder mit den Figuren von Monika Meschke-Barth, Stein-Kompositionen von Klaus Hinrich Stahmer, oder Bearbeitungen von Claude Debussy und Richard Wagner von Clytus Gottwald. Und ein richtiger "Hit" ist "La Naissance de la Beauté" für sieben hohe Stimmen und Klavier des frappierenden russischen Futuristen Arthur Vincent Lourié, eine hymnisch mitreissende Vorstudie zu den Repetitionsrastern der amerikanischen Minimalisten. Zur <belcanto>-Neugier gehört das Fehlen von Berührungsängsten gegenüber älterer Musik, etwa herrlichen Stücken für Frauenensembles von Mendelssohn, Monteverdi, Mozart, Schubert oder Verdi. Und wahrlich nicht die geringste <belcanto>-Attraktion ist die avantgardistische Ausarbeitung eines der ältesten Zyklen der Musikgeschichte, zudem einer Frau, des "Ordo Virtutum" der Hildegard von Bingen - nicht im Sinne modischen Gregorianik-Kults, sondern als lustvoll experimentierender Brückenschlag zwischen Mittelalter und heutiger Moderne. Schon in der "Findungsphase" der Gruppe wurden Werke von Reinhard Febel, Klaus Fessmann, Werner Grimmel, Rolf Hempel, Wilfried Jentzsch, Erhard Karkoschka, Soo - Won Kim, Gerald Lindahl, Jens - Peter Ostendorf und Markus Müller - Häuser uraufgeführt. Oder: progressive Kirchenkompositionen von Peter Bares, Theo Brandmüller, Gerhard Braun, Klaus Hochmann, Gerhard Kaufmann. Hans Dieter Kiemle, Richard Rudolf Klein, Burkhard Mohr und Gerhard Steiff. Oder: eine Ausarbeitung von Karlheinz Stockhausen "Stimmung". Ein "highlight" ist auch die Version von Schuberts "Winterreise", deren Wilhelm Müller - Texte Gerhard Rühm "dahinterweise" umdichtete: Das Original wird von den <belcanto> - Sängerinnen vorgetragen, während Dietburg Spohr die Rühm - Verse spricht.
Dietburg Spohrs <belcanto>-Ensemble hat bei den wichtigsten Avantgarde - Festivals in Europa konzertiert. Das Goethe - Institut lud zu Tourneen nach Nah- und Fernost und den USA ein. Zahlreiche CDs liegen vor, sind von der Kritik enthusiastisch begrüsst worden.