Freud geht (Arbeitstitel)

Idee: Eine Oper über Sigmund Freud
Realisierung geplant für 2008
von Andreas B. Pflüger
Libretto: Lukas Holliger

Voraussetzungen

Das Freud-Jahr 2006 hat einmal mehr in Erinnerung gerufen, wie stark Freuds Einfluss immer noch überall zu spüren ist. Für die einen überschätzt, für die anderen nach wie vor der Verantwortliche einer kopernikanischen Wende in der Kulturgeschichte der Menschheit, kommt keiner an Freud, als den Entdecker des Unbewussten, vorbei. Fast scheint es, als gäbe es ein Unbehagen nicht nur in der Kultur, sondern namentlich auch an Freuds Erkenntnissen.

Mit dem Opernprojekt "Freud geht" (Arbeitstitel) wollen wir dem bis heute anhaltenden, von Freud diagnostizierten Unbehagen in der Kultur nachspüren, und wir halten dazu eine Lupe auf Freuds letzte Tage und Minuten in Wien. Sigmund Freud musste vor jenen flüchten, die "das Unbehagen in der Kultur" benutzten, sich dieser ganzen Kultur zu entledigen und dabei die barbarischste Katastrophe des 20."Jahrhunderts herbeiführten. Freud hatte kurz vor seiner Emigration nach London ein Nazi-Formular zu unterschreiben, in dem er bestätigen sollte, dass er und seine Familie nicht misshandelt wurden. Freud unterzeichnet und fügt folgenden, inzwischen legendär gewordenen Satz hinzu: "Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen". Freud scheint sich seine eigene Theorie zunutze zu machen, wonach der Witz den einzig akzeptable Tabubruch darstellt, und riskiert trotzdem Kopf und Kragen mit diesem Kommentar. Wie steht es um Freud in seinem vielleicht traurigsten Lebensmoment?
Die Oper beleuchtet diesen Moment, musikalisch, dramatisch.

Exposée

"Dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten."
(Sigmund Freud)

Wien, 4. Juni 1938. Der Anschluss Österreichs an das deutsche Reich ist seit drei Monaten vollzogen. Die Oper schildert in Ausschnitten die letzten Tage in Wien, und die letzten Minuten, bevor einige Wagen die Familie Freud abholen und zum Bahnhof fahren. Dort werden sie den Zug nach Paris, später nach London nehmen.

Der Countdown des Abschieds läuft. Die Vergänglichkeit, die Sterblichkeit, das bedrohte Lebenswerk, Erinnerungen, alles wirbelt durch die Köpfe der jüdischen Emigranten.

Ein Fotograf dokumentiert ein letztes mal die berühmte Wohnung an der Berggasse 19, lichtet dabei auch einen unendlich traurigen Freud ab. Der schon krebskranke, 82-jährige Begründer der Psychoanalyse hat sich ein letztes Mal durch Wien fahren lassen, noch einmal die Universität, das Riesenrad (im Prater hatte dem Kind ein Wahrsager eine glanzvolle Karriere vorhergesagt) gesehen.

In keinem Moment ist Freuds Leben in so verdichteter Form präsent wie bei diesem Abschied. Erschöpft legt sich Freud auf die eigene Couch und versinkt in einem Strudel aus Kindheits- und Berufserinnerungen. Und tagträumend versucht er vergeblich seine Lage zu analysieren.

In der Oper treten folgende Personen auf: Anna Freud, Martha Freud, Dr. Max Schur (dem Freud das Versprechen abnahm, ihn, wenn es soweit ist, vor einem unnötig qualvollen Krebstod zu bewahren), Paula Fichtl, die Hausgehilfin, der Fotograf, und SS-Männer.

Dieses Personal der letzten Stunden in Wien ermöglicht durch die verschiedenen Perspektiven auf Freud, Facetten aus seinem Leben aufleben zu lassen.

Lukas Holliger, Dramatiker und Librettist, Basel/Wien, 29. Mai 2006