Don Quijote

Don Quijote - oder der sinnvolle Kampf gegen das Aussichtslose
Von Andreas B. Pflüger
Für Orchester
(2+1Picc.2.2+Baßcl.2+Kfg-4.2.3.1-Pk-4Schlgzg(Glockenspiel,Triangel,kl+gr.Tr.,Bck)-Hfe)
ca. 14 Minuten

editio Bärenreiter Praha
http://www.sheetmusic.cz/

Uraufführung im Theater der Stadt Marl, Samstag 21. Mai 2005
Orchester der Musikgemeinschaft Marl
Leitung: Armin Klaes http://www.arminklaes.de/

Gedanken des Komponisten

Entstehung

Vor ungefähr zwei Jahren machte mich mein Musikerfreund Armin Klaes, Dirigent und Hochschuldozent, in Duisburg darauf aufmerksam, dass 2005 das Jubiläumsjahr des Erscheinens von Miguel de Cervantes Hauptwerk "Don Quijote" - es gilt als erster Roman in der Literaturgeschichte - sei.

Dabei fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, ein Werk für das Symphoniehorcher Marl zu diesem Anlass zu schreiben. Ich war sofort begeistert von dieser Idee, denn nach meinem Abschluss an der Musikhochschule Basel verbrachte ich ungefähr zwei Jahre in Madrid, wo ich mit dem Dirigenten Igor Markevitch zusammenarbeitete und dabei das Land, die Kultur und die Menschen von Cervantes Welt kennenlernen konnte. Im Jahre 1997 verbrachte ich noch einmal eine Zeit in der iberischen Kultursphäre, diesmal aber als Gastdozent in Argentinien und Paraguay.

Die Idee

Einfach die grotesken Abenteuer, die eigentlich eine Persiflage auf die heldenhaften Ritterschilderungen der damaligen Zeit sind, als Programmmusik zu konzipieren und zu komponieren, würde wohl kein neues "Don Quijote" - Werk rechtfertigen, denn es gibt ja schon das gleichnamige Ballett von Ludwig Minkus (1826-1890) sowie das gleichnamige Orchesterwerk mit obligatem Violoncello von Richard Strauss (1864-1949).

Grundidee meines "Don Quijote - oder vom sinnvollen Kampf gegen das Aussichtslose" ist das subjektive Erleben der Umwelt des Helden, oder wohl besser Antihelden. Sein Scheitern bei all seinen Abenteuern wie z.B. sein Kampf gegen die Windmühlen, die er für gefährliche Giganten hält oder das Aufschlitzen der Weinschläuche - beides für ihn absolute Wirklichkeit - hat nicht nur komische Elemente. So kann in Don Quijote ein Mensch gesehen werden, der von edlen Idealen motiviert wird, aber an der materialistischen Realität scheitert - eine Situation, die ja auch zeitgenössische Komponisten treffen kann.

Bemerkungen zur Idee

Die Aktualität von Cervantes Ideen ist auch im 20. Jahrhundert ungebrochen. Heute mehr denn je erleben die Menschen ihre eigene Bedrohung intensiv und mit gesteigerter Sensibilität, oft in extremer Weise ausgedrückt, um schlussendlich die aufgeworfenen Probleme durch Scheinkämpfe zu lösen oder zu tabuisieren. Dieser psychische Mechanismus geschieht auch mit Don Quijote: er wird zu totalen Negation des klassischen Helden. Passivität und Leiden prägen sein Leben, er wird zunehmend unfähig, sich spontan mit der Wirklichkeit abzufinden - und fatalerweise ist er sich seiner Situation bewusst.

Dazu gilt auch hier: die Feder des Genius Cervantes ist immer grösser als er selbst, sie reicht weit hinaus über seine ursprünglichen Absichten, einen Antiheldenroman zu schreiben und ohne dass er sich dessen klar bewusst wurde, verfasste er eine grosse und umfassende Analyse der menschlichen Psyche.

Auch geistige Auseinandersetzungen der damalige Gesellschaft verarbeitete Cervantes in seinem Roman: die Befreiung der von den Arabern besetzten Gebiete Spaniens liess die Frage nach der Legitimität der Kriege aufkommen. Oder welches Verhältnis soll der Intellektuelle, der Künstler gegenüber dem Staat, der Politik und dem Machtapparat einnehmen? Ebenso ist die Rede vom goldenen Zeitalter und vom idealen Staat. All diese Themen werden im Roman spielerisch verarbeitet, ohne dass es der Leser bewusst mitbekommt.

Über die Komposition

In der Vielfalt ihrer Arten und Formen bildet Musik ein ebenso wirksames wie zentrales Kapitel der ästhetischen Erfahrung. In der Kommunikation über musikalische Zusammenhänge setzt aber die Schwierigkeit ein, dass Beschreibungen musikalischer Erfahrung nicht verbal vermittelt werden können und aus diesem Grund durch wie auch immer verfasste sprachliche Beschreibungen unzugänglich sind.

Aus diesen Gründen werden meine Ausführungen über das Werk kurz sein, denn meine Erfahrung und auch meine Überzeugung sind, dass Musik - wie auch jede andere Kunstform - erst in der Phantasie der Zuhörer entsteht. Kann ein Komponist diesen Zugang zum Hörer schaffen, hat sein Werk auch eine kulturelle Berechtigung, wenn nicht, so war die ganze Kompositionsarbeit ein Leerlauf.

"Don Quijote - oder vom sinnvollen Kampf gegen das Aussichtslose" ist auf zwei grosse, dialektische Gegenpole aufgebaut. Einerseits bestimmt ein grosses, sinnlich erfassbares Thema die idealistische Absicht, die Welt zum Guten zu verändern. Aber dieses Thema wird zerbröckelt, zerstört, zu Bedeutungslosigkeit abgewertet, bis es nur noch fragmentarisch die ursprüngliche Idee beinhaltet - ein Kampf gegen das Aussichtslose. Das Zerbröckeln des Ideals stellt den musikdramaturgischen und gedanklichen Gegenpol dar.

Die Komposition ist in freier Atonalität komponiert. Besondere Aufmerksamkeit schenkte ich einer klanglich interessanten Instrumentierung. Denn diese erst lässt ein Werk in der Phantasie der Zuhörer zu einem interessanten Musikerleben entstehen.

Andreas B. Pflüger, Basel, den 20. November 2004