Der Schwarze Mozart

Oper von Andreas B. Pflüger
Libretto Lukas Holliger

8 Sänger (22 Rollen)
Spieldauer: abendfüllend
Ort und Zeit: Wien, 2006

Aufführungen

27. Januar 2006
Kaserne Basel
http://www.kaserne-basel.ch/
Premiere

28. Januar, 3., 5. Februar 2006
Kaserne Basel

16., 17., 22. und 23. September 2006
Wiederaufnahme im Jura in Zusammenarbeit mit Ursinia St. Ursanne (Schweiz)

Erste Inszenierung

Jean Knutti, Bariton: Patrick
Sandra Spiess, Sopran: Mirjam, Claire Gynt 2
Lisandro Abadie, Bass: Soliman
Dieter Wagner, Tenor: Mozart
Jeanne Roth, Alt: Glatzkopf, Museumsbesucherin, Passantin 3, Mozartforscherin
Aurea Marston, Mezzosopran: Museumsführerin, Passantin 1, Bettler, Gefängniswärterin
Felix Rienth, Tenor: Polizist, Mozartforscher, Museumsbesucher, Passant
Lili Küttel, Mezzosopran: Claire Gynt 1, Passantin 2, Falscher Mozart, Museumsdirektor, Türhüter

Facundo Agudin, musikalische Leitung
Michael Lochar, Inszenierung
Sean McAlister, Bühne
Ana Spinelli, Kostüme

Opera Obliqua
Orchestre Symphonique du Jura

Einführung in das Thema

Beschäftigt man sich mit Mozart im Hinblick auf seinen 250. Geburtstag 2006, so ist es unabdingbar, einen unverwechselbaren, zeitgenössischen Bezug herzustellen. Was Mozarts Musik betrifft, wird sie auch noch in 700 Jahren aktuell sein. Wodurch aber könnte sich eine Begegnung mit Mozart ausgerechnet im Jahr 2006 auszeichnen?

Mozart hat mit Monostatos oder Bassa Selim immer wieder Vertreter anderer Kulturen oder Ethnien in seine Opern geholt. Das geht schnell vergessen, wenn uns als Mozart kostümierte Österreicher in der Fussgängerzone Wiens entgegentreten und uns in touristentauglichem Dialekt in ein Konzert mit historischen Kostümen einladen.

Was, wenn uns ein Afrikaner, als Mozart verkleidet, entgegenträte. Die Oper "Der schwarze Mozart" wählt den Nigerianer Patrick Smith als Hauptperson. Er arbeitet, um sein Studium zu finanzieren, weiss gepudert als Mozart in der Fussgängerzone. Wie sagte Gottfried Keller? Kleider machen Leute. Es stellt sich schnell heraus, dass er, verkleidet als die Kultur-Pop-Figur schlechthin viel beliebter ist als Patrick Smith. Am eigenen Leib erfährt er plötzlich die aggressive Sehnsucht der Durchschnittsmenschen nach dem Genie. Er gerät in eine Identitätskrise und es spiegeln sich in seinem kostümierten Leben zunehmend zwei Biografien aus dem 18. Jahrhundert: Wolfgang Amadeus Mozart und Angelo Soliman. Wer war Soliman?

Der Afrikaner und Wiener Zeitgenosse Mozarts, Angelo Soliman, wurde in Nordnigeria geboren, katholisch getauft und kam 1733 nach Wien. Er starb 1796 als hoch geachteter Wiener Bürger und kaiserlicher Offizier. Er galt Zeit seines Lebens als schönster Mann Wiens. Seine Biografie wurde aber vor allem deshalb bekannt, weil ihm nur Stunden nach seinem Tod auf allerhöchstes Geheiss die Haut abgezogen und auf einen hölzernen Körper gespannt wurde. Solimans Hülle posierte bis 1848 als ausgestopfter "Afrikaner" in der Naturaliensammlung Franz II. Ausserdem ist über Soliman bekannt, dass er zu Lebzeiten in derselben Freimaurerloge verkehrte, wie Mozart. Vermutlich war er sogar das Vorbild für den Mohren Monostatos in der "Zauberflöte".

Beide Biografien, Mozart und Soliman, verbindet untrennbar folgendes gesellschaftliche Prinzip: So sehr ein Fremder mit Talent salonfähig werden kann (Soliman), so sehr wird der Salonfähige mit viel Talent ein Fremder (Mozart). Beide Persönlichkeiten werden nach ihrem Tod früher oder später musealisiert, von der Masse in puppenhafter Form in Erinnerung gehalten. Soliman und Mozart werden vom autoritären Durchschnitt — und sei es aus Hochachtung - in den Exotenstatus gedrängt.

Basierend auf obigen Gedanken des jungen Basler Librettisten Lukas Holliger schreibt der Basler Komponist Andreas Pflüger unter dem Titel "Der schwarze Mozart" eine Oper. Die Uraufführung findet unter Leitung des in der Schweiz lebenden argentinischen Dirigenten Facundo Agudin am 27. Januar 2006 in der Kaserne Basel statt.

Skizze der Opern-Handlung

Verfaßt im Dezember 2004

Die Oper "Der schwarze Mozart" spielt 2006. Hauptperson ist Patrick, ein als Mozart in der Wiener Kärtnerstrasse arbeitender Afrikaner.

In der ersten Szene sehen wir Patrick in seinem Alltag. Er entnimmt einer Waschmaschine das frisch gewaschene Mozart-Kostüm (die Zahlen der verschiedenen Waschtemperaturen von Hose, Strümpfen, Perücke könnten gesungen werden in Analogie zu den Zentimeterangaben für das Ehebett in der Eröffnungsszene von "Le Nozze di Figaro").

Es folgen Szenen, in denen Patrick erfahren muss, dass er als weissgesichtiger Mozart besser behandelt wird denn als unverkleideter Schwarzer. Er wird fotografiert, von Touristen zum Essen eingeladen und lernt eine amerikanische Touristin kennen, die seine Freundin wird.

So sehr ihm diese Entwicklung gefällt, so sehr wächst in ihm der Neid auf jenen Komponisten, dem noch nach 200 Jahren mehr Achtung entgegengebracht wird, als ihm. "Ich komme mir vor, wie die Schokoladenfüllung in einer Mozartkugel!". Patrick will mehr wissen über seinen Widersacher und besucht das Wohnhaus Mozarts. Prompt wird er über Nacht eingeschlossen. Weil er Geräusche hört, flüchtet er sich unter die Kopfhörer mit den Hörproben und steigert sich unfreiwillig (er mag eigentlich keine Musik von Toten) in einen Mozart-Rausch. Die Hassliebe ist perfekt. Er schminkt sich angewidert ab, zieht sich um, und beginnt zu randalieren, um die Alarmanlage auszulösen und befreit zu werden. Dabei verletzt er sich. Die Polizei, findet das leere und blutige Mozart-Kostüm (Patrick hat sich damit das Blut abgewischt). Sie glaubt Patrick nicht, dass er als Schwarzer darin gesteckt habe ("Was will ein Schwarzer in unserem Mozart?") und verdächtigt ihn eines schweren Verbrechens (hier kommt die auch historisch belegte Lust an Mordthesen zu Mozarts Tod wieder hoch). Patrick kommt in Untersuchungshaft. Im Gefängnis begrüsst ihn im Traum der historische Soliman. Soliman überreicht ihm ein merkwürdiges Instrument: "Damit wirst du in Zukunft auch ohne Kostüm geliebt!" Patrick denkt: "Spiel ich besser als Mozart, muss die Polizei das Mordmotiv Neid fallenlassen!". Patrick beginnt das Instrument zu lernen, mit dem Ziel, Mozart zu übertreffen. Er will in der Fussgängerzone stehen und mit seiner eigenen Musikalität über die kleine Nachtmusik triumphieren, die da jeden Tag zum Besten gegeben wird.

Tatsächlich bringt er es im Gefängnis innert kürzester Zeit zu beachtlicher Virtuosität. Als schwarzer Mozart-Häftling, welcher Klassik und eigene Improvisationen wild und sinnlich mischt, wird er schnell zur Kultfigur, findet sich auf Postkarten wieder und erhält, kaum in Freiheit, Einladungen in Talkshows. Seine Freundin erweist sich als perfekte Managerin. Sein Image als "dressierter Mozart-Affe", wie ihn eine Boulevardzeitung prompt bezeichnet hatte, wird er aber nicht mehr los. Unterdessen trifft man auch in der Fussgängerzone dutzendweise auf billige Patrick-Nachahmer, schwarz geschminkte Patrick Doppelgänger. Sogar eine Schokolade mit seinem Namen kommt auf den Markt und erobert die Konfiserien der Festspielstädte. Patrick beginnt zum zweiten Mal, sich und sein diesmal aber unverkleidetes Spiegelbild zu hassen. Patrick wird krank und in seinem Fieberwahn muss er zusehen, wie die geklonten, puppenhaften Mozarts und Patricks die Fussgängerzonen bevölkern. Als Halluzinationen erscheinen ihm der historische Mozart und der historische Soliman und beklagen angesichts dieses gigantischen Revivals ihr Nicht-Sterben-Können, und ihr gleichzeitiges zunehmendes Fremdsein. Patrick besinnt sich auf seine eigene Biografie und plant einen letzten, musikalischen Befreiungsschlag. Er erfindet seine ganz eigene Musik, fremd von Wettbewerb, Tradition oder Gefallsucht.

Es gibt im Libretto ein "Kleider machen Leute"-Motiv. Der Status, der das Mozart Kostüm Patrick verleiht, ist hier allerdings kein Sozialer wie bei Gottfried Keller, sondern ein Historischer, also etwas Konservatives, garniert mit dem modernen, sponsorentauglichen Mozartkugeln-Image. Die Verbindung aus Pop, Genie und 18.-Jahrhundert-Romantik schlägt voll ein. Das Thema des Librettos ist auch unsere zeitgenössische Sehnsucht nach dem Genie, nach Ruhm und nach schönen Melodien, eben nach Mozart.

Gleichzeitig kann das Hauptmotiv der Milos Forman-Verfilmung auch in der Oper "Der schwarze Mozart" nicht fehlen: Der Neid des Durchschnittsmenschen auf das unsterbliche Ausnahmetalent. Indem der vom Neid befallene Patrick zugleich auch ein diskriminierter Schwarzer ist, wird das Neid-Motiv jedoch schwieriger zu verurteilen. Dem Neid verspürenden Patrick würden wir - im Unterschied zu Salieri - aus Motiven politischen Gerechtigkeitsempfindens die Beliebtheit Mozarts durchaus gönnen. Aber statt zu Mozart, kann Patrick im Verlauf der Handlung doch höchstens zu einem Soliman werden. Das ist kein Geschichtspessimismus, sondern der Versuch, zu zeigen, wie sehr unser Denken motivisch in den Spuren unserer Vergangenheit gefangen ist. Nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Faulheit.